Freitag, 18. Juli 2014

Ein bezaubernder Dschinni

Zum Start ins Wochenende möchte ich mein zweites Projekt, an dem ich schreibe, kurz vorstellen. Worum geht es?
Patrick erbt nach dem Tod seiner Großmusster dessen Haus. Beim Entrümpeln fällt ihm eine verstaubte blaue Philole in die Hände. Als er den Stopfen rauszieht, quillt Rauch aus dem kleinen Behältnis und kurz darauf steht ein halbnackter Mann im Raum ...

Ich würde die Story als Chick Lit bezeichnen, doch es ist ein Buch mit schwulen Protagonisten ...

Ein erster Einblick?
Bitte sehr:



D
ie Musik aus seinen Kopfhörern übertönte den Verkehrslärm, als Patrick den Gehweg entlang lief. Allerdings verfehlte Robbie Williams an diesem Tag seine Wirkung. Die Unruhe lag wie ein Stein in Patricks Magen und hatte sich seit dem Erhalt des Schreibens stetig vergrößert. Seine Schritte führten ihn an gepflegten Altbauten vorbei, bis er die Haustür erreichte, neben der ein Messingschild angebracht war. Notariat Kessler.
Er nahm einen tiefen Atemzug, schaltete die Musik aus und verstaute die Kopfhörer in der Jackentasche. Anschließend strich er sich mit einer fahrigen Geste das Haar zurück, drückte er die Tür auf und folgte dem Wegweiser in den ersten Stock.
Im Haus roch es nach Bohnerwachs und Politur. Die wuchtige Eichentür, an der ein weiteres Schild Notariat Kessler, Termine nach Vereinbarung verkündete, war geschlossen. Patrick drückte den Klingelknopf daneben, worauf der Summer betätigt wurde. Er trat ein und straffte die Schultern. Im Vorraum saß eine ansprechend gekleidete Frau mittleren Alters, die ihm zulächelte.
„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“, erkundigte sie sich freundlich.
„Hallo. Mein Name ist Patrick Koster, ich habe einen Termin.“ Er wollte gerade den Brief aus der Tasche ziehen, als sie aufstand.
„Ja. Sehr schön. Dann sind Sie jetzt vollzählig. Wenn ich Sie bitten dürfte“, meinte sie und wies auf eine Flügeltür, die in den Nebenraum führte. Patrick nickte nur und folgte ihr.
„Ihre Eltern sind schon eingetroffen. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee, Tee, Wasser?“
„Nein, danke.“ Patrick schluckte und trat nach ihr in den Raum. Ein großer Tisch nahm fast die gesamte Fläche und bis zur Decke reichende Regale nahmen die hintere Wand ein, gefüllt mit unzähligen Büchern. Vor den hohen Fenstern stand eine Sitzecke. Dort saßen sich seine Eltern und ein Mann im schwarzen Anzug gegenüber, der in diesem Moment aufstand und auf Patrick zukam.
„Guten Tag Herr Koster. Mein Name ist Joachim Kessler.“ Er hielt ihm die Hand entgegen, welche Patrick pflichtbewusst kurz schüttelte. „Kommen Sie, setzen Sie sich“, forderte der Notar ihn auf. Seine freundliche und fast großväterliche Ausstrahlung half ein wenig, dass Patricks Magen sich nicht mehr ganz so bleischwer anfühlte.
„Hi“, richtete er knapp an seine Eltern, wobei der Gruß eigentlich nur seiner Mutter galt. Sein Vater betrachtete seine Fingernägel, als gäbe es auf ihnen Weltbewegendes zu entdecken. Patrick kommentierte das mit einem dezenten Grunzen und setzte sich mit größtmöglichem Abstand zu den beiden.
„Aus meinem Schreiben haben Sie entnehmen können, warum ich Sie hergebeten habe. Nun, da Sie alle zugegen sind, werde ich Ihnen den letzten Willen Ihrer verstorbenen Mutter, respektive Großmutter, verlesen. Die Erblasserin, Agathe Koster, hat von ihrem Testierrecht gebrauch gemacht.“ Er räusperte sich, griff nach einer ledergebundenen Mappe und setzte eine Lesebrille auf. Kurz herrschte Totenstille im Raum und Patrick hörte sein Blut in den Ohren rauschen.
Er schielte zu seinen Eltern hinüber. Seine Mutter saß steif da, die Hände verkrampft ineinander verschränkt. Es tat ihm leid, sie so zu sehen. Es war offensichtlich, dass sie den Blickkontakt mit ihm mied. Sein Vater wippte nervös mit der Fußspitze und wandte die Augen nicht vom Notar ab.
„Mein Sohn, Edgar Koster, und dessen Ehefrau Iris, sollen nach meinem Tod meine Münzsammlung erhalten. Der Wert der Sammlung entspricht dem gesetzlichen Pflichtteil. Mein Enkel, Patrick Koster, soll nach meinem Tod mein Haus inklusive des gesamten Inventars erhalten. Meine Entscheidung begründe ich ausschließlich mit folgenden Worten:
Weil du, Edgar, deinen eigenen Sohn wie einen Aussätzigen behandelst, nur weil er homosexuell ist und sein Leben nicht nach deinen Vorstellungen lebt.
Mein Barvermögen aus Sparverträgen soll, nach Begleichung der Bestattungskosten und aller sonstigen Auslagen, dem Kinderhospiz Sterntaler zugute kommen. Damit mein letzter Wille eingehalten wird, beauftrage ich das Notariat Joachim Kessler mit der Testamentsvollstreckung. Die angemessene Vergütung ist bereits entrichtet worden. Gezeichnet, Agathe Koster, 17. Mai 2011.“ Der Notar pausierte kurz. Patrick hörte, dass sein Vater ungehalten schnaubte.
„Bevor Sie sich zu Wort melden, Herr Koster“, bremste Kessler ihn aus, „möchte ich Ihnen folgendes sagen: Ihre Frau Mutter hat dieses Testament handschriftlich in meinem Beisein aufgesetzt. Sie war im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Es gab keine Zweifel an ihrer Testierfähigkeit.“
Patrick schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Er konnte es kaum glauben. Seine Oma überließ ihm das Haus?
„Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein!“
Patrick sah zu seinem Vater, der puterrot im Gesicht war und sichtlich um Fassung rang. Seine Mutter hingegen war so weiß wie eine Wand und hatte die Lippen aufeinander gepresst.
„Herr Koster, was Ihre Frau Mutter hier aufgesetzt hat, ist rechtlich gesehen vollkommen in Ordnung. Ein Testament muss weder vernünftige noch von dritten nachvollziehbare Begründungen aufweisen.“
„Das ist ein Witz!“
„Ach ja?“, wandte Patrick sich an seinen Vater. „Wie du dich hier verhältst, das ist ein Witz.“
„Du … du. Was weißt du schon? Und überhaupt, was soll der Quatsch mit dem Haus? Du wohnst ja nicht mal hier! Und Sie …“, er wandte sich an Kessler, „… Sie prüfen nach, von welchen Werten wir hier sprechen.“
Der Notar räusperte sich tadelnd. „Das kann ich Ihnen sagen. Wie Ihre Frau Mutter wusste, entspricht der Wert der Münzsammlung Ihrem Pflichtteil, dürfte sogar noch ein wenig mehr einbringen, sofern Sie die Sammlung veräußern. Das Barvermögen beläuft sich auf etwa siebzig Tausend Euro und der Wert der Immobilie mitsamt Inventar wurde auf knapp Dreihunderttausend geschätzt. Einsicht in die genauen Zahlen kann Ihnen meine Sekretärin, Frau Lays, geben. Fragen Sie sie danach.“ Er wies mit der Hand zur Tür, die in den Vorraum führte.
Patrick lehnte sich zurück, während sein wutschnaubender Vater an ihm vorbei in Richtung Tür marschierte. Wenn er ehrlich war, überraschte ihn die Aufteilung nicht. Trotzdem hätte er nie für möglich gehalten, dass er das Haus bekäme. So ganz wollte die Erkenntnis auch noch nicht sacken, sie schien zu sperrig, um aufgenommen werden zu können.
„Von Ihnen benötige ich noch ein paar Angaben, um die Grundbucheintragung ändern zu lassen. Sofern Sie das Erbe annehmen wollen.“ Der Notar sah ihn an.
Patrick überlegte nicht lange. Auch wenn er sich mit seinem Chef nicht wegen einer Versetzung einigen könnte, hergeben würde er das Haus keinesfalls. Notfalls würde er es vermieten.
„Ähm, ja. Es ist zwar überraschend aber ja, ich nehme das selbstverständlich an“, sagte er und hoffte, dass er problemlos den Arbeitsplatz wechseln konnte. Es wäre schön, seine Mutter wieder in der Nähe zu haben.
„Sehr schön.“ Kessler schlug die Mappe zu und nahm die Brille von der Nase.
„Kommst du wieder zurück? Ich meine, wirst du im Haus wohnen?“, fragte seine Mutter leise. Der hoffnungsvolle Ausdruck auf ihrem Gesicht ließ ihn lächeln.
„Ja, das werde ich. Zumindest versuche ich es, auch wenn er“, er wies mit dem Daumen zum Vorzimmer, „dann an die Decke geht.“
Sie strahlte, überbrückte die Distanz zwischen ihnen und umarmte ihn. Er wurde sich in diesem Moment bewusst, wie sehr ihm das gefehlt hatte.
„Iris! Wir gehen“, dröhnte die gepresst klingende Stimme seines Vaters von der Tür her. „Und lass den Jungen los, das ist ja widerlich! Wer weiß, wo der seine Finger hatte.“
Patrick verdrehte die Augen. Seine Mutter sprang auf, bedachte ihn mit einem entschuldigenden Blick und eilte aus dem Raum. Die Tür wurde zugeknallt.
„Es tut mir leid“, wandte Patrick sich an den Notar, der die Szene stirnrunzelnd betrachtet hatte. „Wie unschwer zu erkennen war, ist mein Vater ein herrischer Mann.“
„Nun, junger Mann“, Kessler legte den Kopf leicht schräg. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund. „Ich bin ihm nie zuvor begegnet, aber Ihre Großmutter war mir eine liebe Freundin. Ich ahnte, dass diese Reaktion kommen würde. Um es mit Agathes Worten zu sagen: Er ist ein homophober Idiot.“
Patrick riss erstaunt die Augen auf, worauf Kessler leise kicherte. Es passte gar nicht zu seinem großväterlichen Erscheinungsbild.

◊

Zwei Wochen später stand Patrick in der Einfahrt seines neuen Heims. Als Kind hatte er fast die gesamten Ferien bei seiner Oma verbracht, doch jetzt als Eigentümer vor dem Haus zu stehen, war eigenartig. Befremdlich und auf gewisse Weise erleichternd, fast, als käme er nach langer Zeit nach Hause.
Er seufzte, griff sich seine Umhängetasche und zwei der ungefalteten Umzugskartons. Er klemmte die Pappe unter den Arm, als er die Tür aufschloss. Es roch dezent nach der Seife, die seine Oma immer benutzt hatte. Wehmut erfasste ihn. Und ein schlechtes Gewissen, wobei das absolut unnötig war. Dennoch tat es ihm leid, die letzten Monate so weit weg gewesen zu sein. Seine Arbeit hatte ihn nach Berlin geführt, in die Zentrale des Softwareunternehmens, für das er tätig war. Nun war er zurück, in der Niederlassung, in der er seine Ausbildung absolviert hatte. Zurück in der Heimat. Zurück, ohne vom herzerwärmenden Lächeln der Oma begrüßt zu werden. Zurück ohne den Duft nach Apfelkuchen, den sie so oft für ihn gebacken hatte …
Er schob die bedrückenden Gedanken beiseite und sah sich um. Wo sollte er nur anfangen? Für ihn stand fest, dass er einen großen Teil der Möbel behalten würde. Jedes Stück verband er mit einer Erinnerung. Er stellte die Kartons an die Flurwand und stieg die Holztreppe hinauf. Er kannte den Grundriss des Hauses auswendig. Während unten eine große Küche, ein Hauswirtschaftsraum, Wohn- und Esszimmer waren, gab es im ersten Stock zwei Schlafzimmer, ein großes Bad und einen Salon, von dem aus man auf den Balkon gelangte. Im oberen Stock, dem ausgebauten Speicher, befand sich ein einziges Zimmer, welches man über eine Wendeltreppe erreichte. Große Fenster bis zur Giebelspitze erhellten den Raum, der keinen eigentlichen Zweck besaß. Als Patrick zuletzt dort oben gewesen war, hatte nur eine Sitzgruppe aus Rattangeflecht im Raum gestanden. Sein jetziges Ziel war allerdings nicht jener Raum unter dem Dach. Er lief über den Flur, wobei der Teppich jeden seiner Schritte schluckte. An der zweiten Tür blieb er stehen. Als er sie öffnete, sah er auf den ersten Blick, dass alles so war, wie immer. Das große Bett mit Tagesdecke und Zierkissen, das Regal daneben gefüllt mit Comics, Kinder- und Jugendbüchern sowie einigen ‚Schätzen‘, die er im Laufe der Jahre entdeckt und dort hingestellt hatte. Das Zimmer, das vor gefühlten Ewigkeiten zu seinem geworden war, unverändert und stets bereit, den Feriengast aufzunehmen. Nur dass Patrick schon lange kein Feriengast mehr war. Seine letzten Schulferien lagen bereits zehn Jahre zurück …
Er stellte die Tasche auf das Fußende vom Bett und trat ans Fenster. Beim Blick nach draußen stutze er kurz. Im Nachbargarten tollte ein Hund auf der Wiese herum, eine junge Frau warf ihm wiederholt eine Frisbeescheibe zu. Patrick kannte sie nicht – er schlussfolgerte, dass sie erst nach seinem letzten Besuch an Weihnachten eingezogen sein musste. Er glaubte sich zu erinnern, dass seine Oma ihm vom Verkauf des Hauses erzählt hatte. Patrick öffnete das Fenster und winkte seiner neuen Nachbarin – sofern sie es denn war – kurz zu, da ihr Blick zu ihm nach oben gewandert war. Sie grüßte zurück und wurde sofort wieder von ihrem Hund in Beschlag genommen.

Bewaffnet mit einem Post-it Block und Kuli wanderte Patrick durchs Haus. Er schieb entweder ‚behalten‘ oder ‚weg‘ auf die neonfarbenen Papierchen und pappte sie an die Möbelstücke. Beim zweiten Rundgang stellte er fest, dass er neunzig Prozent mit ‚behalten‘ markiert hatte. Dummerweise ließ sich das nur schwer realisieren, es sei denn, er würde sich von einem Teil seiner eigenen Möbel trennen. Seufzend ließ er sich schließlich in der Küche auf einen Stuhl sinken und trommelte mit den Fingerspitzen auf der rustikalen Tischplatte herum. Den Tisch würde er behalten, doch den Rest der Küche würde er gegen seine eigene eintauschen. Auf den Komfort seiner modernen Küchenzeile wollte er nicht verzichten.
Wenn er an den Berg an Arbeit dachte, den er nun vor sich hatte, bereute er den Entschluss, Berlin den Rücken gekehrt zu haben. Aber das Haus von Oma Tata, wie er sie als kleiner Junge immer genannt hatte, aufzugeben, wäre nicht infrage gekommen. Es war sowieso zu spät. Seine Möbel befanden sich in einem Zwischenlager der Spedition, die alles transportiert hatte. Sein Arbeitsplatz war geändert und schon in einer Woche wurde er im Büro erwartet. Da er bis dahin das Meiste erledigt haben wollte, trat er sich gedanklich selbst in den Hintern und legte los.
Bis weit nach Mitternacht packte er. Allein im Wohnzimmer füllte er sieben Kartons, ehe er müde die Treppe nach oben stieg. Gähnend beschloss er, die Dusche auf den kommenden Morgen zu verschieben.

◊

Patrick wurde unsanft geweckt. Durch das offene Fenster schallte lautstarkes Hundegebell zu ihm herauf, dabei war es noch nicht mal richtig hell. Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte kurz nach fünf.
„Ist das zu fassen!“, murrte er. Da der Hund fröhlich weiter kläffte, kletterte er aus dem Bett und trat ans Fenster. In der Morgendämmerung konnte er weder den Hund noch dessen Besitzerin ausmachen.
„Fängt ja gut an“, murmelte er.
Nun, wo er schon mal auf war, entschloss er sich zu duschen und nach einem Kaffee mit dem Ausräumen der Schränke weiterzumachen.
Das Duschen ging sehr schnell – mangels warmen Wassers. Er hatte schlichtweg vergessen, den Heizkessel im Keller einzuschalten. Entgegen der Meinung seines Vaters, der ihn oft als Weichei beschimpft hatte, war er das keinesfalls. Nach der kalten Dusche lief er nackt über den Flur ins Zimmer zurück und schlüpfte in eine Shorts. Auf dem Weg nach unten zog er sich ein T-Shirt über.
Während die Kaffeemaschine ihren Dienst tat, suchte er in den Taschen seiner Jeansjacke nach der Zigarettenschachtel. Kurz darauf wurde er fündig. Er wusste, er würde im ganzen Haus keinen Aschenbecher auftreiben können – Oma Tata hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was sie vom Rauchen hielt: Nichts. Folglich wartete er auf den Kaffee, den er dann mit nach draußen nahm. Trotz der frühen Uhrzeit war es schon angenehm warm. Im Laufe des Tages würde daraus sicherlich wieder brütende Hitze werden. Der Hund hatte inzwischen sein Gebell eingestellt, sodass Patrick seinen Kaffee in der morgendlichen Ruhe genoss, die durch das Vogelgezwitscher ziemlich idyllisch wirkte.
Er schüttelte eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an. Als er den Rauch ausblies, hörte er das Garagentor des Nachbarhauses aufgehen. Es quietschte wie eh und je, was ihm ein belustigtes Schnauben entlockte.
Er fragte sich, ob da noch die gleichen Leute wohnten. Ein älteres Ehepaar, dessen Enkel wie er oft in den Ferien zu Besuch gewesen war. Dirk war sein Name gewesen. Wie oft sie in den Ferien zusammen Fußball gespielt hatten oder zum nahen See schwimmen gegangen waren, konnte er nicht mehr aufzählen. Die gemeinsamen Aktivitäten hatten schlagartig geendet, als Patrick ihm gestanden hatte, dass er schwul ist. Seit dem Tag hatte er Dirk nicht wiedergesehen. Über das Warum hatte er sich nie Gedanken gemacht – es war offensichtlich.
Patrick schnippte den Filter ins Blumenbeet, stand auf und machte sich an die Arbeit. Er hatte sich vorgenommen, nach dem Wohnzimmer das Schlafzimmer seiner Oma zu räumen. Da die Sachen zum Wegwerfen zu schade waren, hatte er eine Wohltätigkeitsorganisation gefragt, ob sie die Wäsche und anderes Inventar wollten. Für den späten Nachmittag hatte sich ein Mitarbeiter angekündigt, der einen Teil der Sachen gleich mitnehmen würde.
Um kurz nach zehn war er mit dem Wohnzimmer fertig. Sein Magen verkündete laustark Hunger. Er wollte es ignorieren, doch das Grummeln verschwand dadurch nicht. Also gab er sich geschlagen und machte sich auf den Weg zum nächsten Supermarkt.

Eine halbe Stunde später betrat er mit zwei vollen Einkaufstüten beladen wieder das Haus. Es war keine gute Idee gewesen, mit leerem Magen einkaufen zu gehen, denn Patrick hatte weit mehr in den Wagen gepackt, als er eigentlich haben wollte. Er ärgerte sich, dass er mal wieder von seiner Unfähigkeit Entscheidungen treffen zu können, tyrannisiert worden war. Nun packte er seine Errungenschaften aus und hielt inne, als erneut ein Rumoren aus seinem Bauch erklang. Irgendwie hatte es sich angehört wie ‚Rührei‘.
„Ist ja gut, kriegst ja was“, brummte er seiner Körpermitte zu.



F
risch gestärkt machte Patrick sich wieder ans Werk. Bewaffnet mit einer Rolle blauer Tüten und zwei Kartons stieg er die Treppe nach oben. Das Schlafzimmer seiner Oma zu betreten hatte etwas Eigenartiges an sich. Schon als Kind war er nicht gerne hineingegangen. Es hatte sich immer falsch angefühlt, in einen so persönlichen Bereich einzudringen.
Die Luft im Raum war abgestanden, weshalb er als erstes ans Fenster trat und es weit öffnete. Dann sah er sich um. Das Bett war gemacht und mit einer Tagesdecke versehen. Auf dem Nachttisch und der Kommode lag eine Staubschicht die vermuten ließ, dass hier seit mehr als einigen Wochen nicht geputzt worden war.
Patrick seufzte und zog eine Tüte von der Rolle. Als er sie aufschüttelte, wirbelte er genug Staub auf, dass ihm die Nase kribbelte. Er zog Grimmassen, um das kitzelnde Gefühl zu vertreiben und öffnete den Kleiderschrank. Hinter der ersten Tür verbargen sich Bett- und Tischwäsche. Fein säuberlich gestapelt und nach Farben sortiert. Er packte alles in den Sack.
Hinter den nächsten beiden Türen befand sich die Kleidung, die er auch in Tüten verpackte. Bei dem einen oder anderen Stück blitzte eine Erinnerung in ihm auf ­– an besondere Tage und Gelegenheiten, bei denen Oma Tata das Kleidungsstück getragen hatte.
Um nicht in Sentimentalitäten zu verfallen, machte er rasch weiter. Nachdem der Schrank leer und vier große Tüten voll waren, wandte er sich der Kommode zu. Da sich im Kleiderschrank weder Nacht- noch Unterwäsche befunden hatten, nahm er an, dass sie darin zu finden seien. Mit spitzen Fingern zog er die erste Schublade auf. Allein der Gedanke, Büstenhalter und fleischfarbene Schlüpfer ausräumen zu müssen, verursachte bei ihm eine Gänsehaut. Da half es auch nicht, daran zu denken, dass die Sachen einer geliebten Person gehört hatten.
Das Schicksal meinte es gut mit ihm, denn in der Lade befanden sich Socken aller Art. Als er hineingriff, fiel sein Blick auf einen Bilderrahmen, der auf der Kommode stand. Das Glas war staubig, dennoch erkannte er sich selbst. Das Bild zeigte ihn als sechsjährigen Rotzlöffel, mit Schultüte im Arm und einem schiefen Grinsen im Gesicht. Seine von der Sonne gebleichten, strohblonden Haare standen wild durcheinander, wie sie es immer getan hatten. Inzwischen hatte er es wachsen lassen, und die Naturlocken waren längst nicht mehr so störrisch. Auf dem Bild war die Welt noch in Ordnung gewesen. Sein Vater mit stolzgeschwellter Brust im Hintergrund, seine Mutter mit einem Lächeln auf den Lippen stand etwas versetzt daneben. Damals war ihr Haar noch lang gewesen, genauso blond und gelockt wie seines. Nicht das einzige, das Patrick von ihr hatte. Sie teilten die gleichen grünen Augen und besaßen beide ein hilfsbereites Wesen. So plötzlich an den Tag der Einschulung erinnert zu werden, rief Bilder einer heilen Welt hervor.
Ein leises Lachen kam ihm über die Lippen und er griff nach dem Rahmen. Mitten in der Bewegung hielt er inne, denn hinter dem Bilderrahmen mit dem silbernen, verzierten Rand kam eine kleine Vase zum Vorschein, die eine eigenartige Form besaß. Noch mehr verwunderte ihn der Umstand, dass die Vase deutlich mehr Staubablagerungen als der Rest der Kommode aufwies. Und gesehen hatte er sie auch noch nie – bei keinem seiner Besuche.
Patrick stellte das Bild wieder hin, griff stattdessen nach der kleinen Vase, deren blaue Farbe nur zur erahnen war.
„Was …?“, rutschte es ihm heraus, als er sah, dass die vermeintliche Vase einen Deckel besaß.
„Geheimer Schnapsvorrat, was Oma?“, murmelte er und zog an dem Deckel, der wie ein Stopfen aussah. Zugleich wischte er einen Teil des Staubes ab, der dem Glas anhaftete.
Es zischte, kaum dass er den Pfropfen rausgezogen hatte, Qualm stieg auf und Patrick ließ das Gefäß erschrocken fallen. Der Rauch breitete sich aus und obwohl diese Menge nie und nimmer in diese kleine Vase – oder was auch immer es war – gepasst hätte, sah er gebannt zu. Wie erstarrt stand er da, unfähig irgendetwas zu tun.
Der Rauch lichtete sich, wie Nebel in der Disco, und Patrick blinzelte verwirrt. Da stand ein Kerl …
„Jesses! Whoa! Beim Arsch der Götter. Warum verflucht noch eins hast du mich so lange da eingequetscht? Da drin ist es enger als in Cleopatras Arsch! Warte nur ab, wenn ich mich fertig sortiert hab … verfickte Kacke, ich weiß gar nicht, was mir nicht eingeschlafen ist!“, zeterte der aus dem Nichts aufgetauchte Typ.
Patrick starrte ihn mit großen Augen an. Er zweifelte an seinem Verstand. Sah er da vor sich wirklich einen Kerl – nur in Hosen?
„Agathe, ich sag‘s dir …“, er stockte und blickte Patrick mit offenem Mund an.
„Heilige Scheiße!“, rutschte es Patrick raus.
„Das kannst du laut sagen! Meine Fresse, mein Auftritt war jetzt nicht der ruhmreichste.“
Patrick blinzelte. Dann sah er sich um. War er irgendwie bei ‚Versteckte Kamera‘ oder so gelandet? Das war doch gerade nicht wirklich passiert!? Männer tauchten nicht einfach aus dem Nichts auf – und schon gar nicht so einer! Der gestählte Oberkörper, die kräftigen Arme und das markante Gesicht glichen einer Adonisstatue. Die eigenartige schwarze Hose erinnerte Patrick irgendwie an den Orient. Und Schuhe hatte der Kerl auch keine an!
„Äh – wer oder was bist du?“, fragte Patrick vorsichtig. Er wusste nicht, ob er die Antwort hören wollte.
„Das könnte ich dich auch fragen. Wo ist Agathe? Mit der hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen! Mich so lange schmoren zu lassen …“
Patrick blickte auf die kleine Vase, bückte sich und nahm sie in seine Hand. Dann sah er zu dem Bild von Mann, der eher in einen Kleiderschrank passen würde, als in dieses winzige blaue Ding.
„Äh … du warst nicht echt hier drin?“
Der Kerl verschränkte die Arme vor der nackten Brust. Der Blick, der Patrick aus den dunklen Augen seines Gegenübers traf, wirkte belustigt.
„Natürlich war ich das. Es ist kein Vergnügen, jahrelang da drin festzusitzen, das sag ich dir. Über fünfzehn Jahre! Ich kann meine Zehen jetzt noch nicht spüren. Von anderen Körperteilen mal ganz abgesehen. Dabei weiß ich gar nicht, was ich angestellt habe, dass sie mich nicht mehr gerufen hat.“ Er zog einen Schmollmund, der mehr wie ein Kussmund aussah.
Patrick vertrieb den Gedanken, trat zwei Schritte zurück und ließ sich auf das Bett sinken. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ein Flaschengeist?“, fragte er – mehr an sich selbst gerichtet, als an den barfüßigen Kerl, der ihn abwartend ansah. „So was gibt’s doch nur im Film …“ Vor allem, wenn der angebliche Geist wirkte, wie ein Mann aus Fleisch und Blut. Obendrein auch noch verdammt sexy war.
„Ja, klar! Wäre ich dann hier? Außerdem bin ich kein schnöder Flaschengeist. Ich bin ein Dschinn!“ Das letzte Wort betonte er überdeutlich.
„Was? Wie bei Aladdin? Warum wohnst du dann nicht in so einer hübschen Lampe?“
Der Dschinn verzog das Gesicht. „Die waren zu der Zeit wohl aus. Also, wo steckt sie?“
„Wer?“
„Agathe!“
„Tut mir leid, aber mit ihr wirst du nicht mehr reden können. Sie ist gestorben.“
„Och, dabei war es immer so lustig mit ihr … bis sie mich eingesperrt hat.“ Er verzog das Gesicht. Was wohl wie eine beleidigte Miene wirken sollte, sah ziemlich komisch aus. Zumindest für Patrick, der sich ein Lachen nicht verkneifen konnte.
„Ja, ja. Lach ruhig. Ich schlussfolgere: Da Agathe nicht mehr unter uns weilt und ich einige Jahre verpasst hab, musst du der kleine Rotzlöffel sein, der sie immer besuchen kam und ich währenddessen mein kuscheliges kleines Heim nicht verlassen durfte.“
„Sie war meine Oma, ja. Und ja, ich habe sie oft in den Ferien besucht. Ich fasse es nicht … Du warst damals echt schon hier?“, Patrick schnaubte. „Oh Mann, ich rede mit jemandem, den es gar nicht geben kann!“
„Bla, bla, bla. Immer das Gleiche. Siehst du mich, oder nicht?“
Patrick verdrehte die Augen. „Ja, ich sehe dich. Ich weiß nur gerade nicht, was das über meinen Geisteszustand aussagt.“
„Na ja, über deinen Verstand kann ich mir kein Urteil bilden. Deine Augen und Ohren funktionieren einwandfrei. Und, wie darf ich meinen neuen Meister anreden?“
„Was?“
„Hab mich geirrt, hast doch was an den Ohren. Oder bist schwer von Begriff … wie heißt du?“
„Patrick. Hab‘ schon verstanden, was du gemeint hast, nur das Wörtchen Meister verwirrt mich etwas.“
Jetzt rollte der Dschinn mit den Augen. Er begann, mit seinen Fingern auf dem Arm zu trommeln und seufzte vernehmlich, als wäre er genervt. „Ein Crashkurs: Ich bin der Dschinn, du hast mich gerufen. Folglich bist du jetzt mein Meister und ich dir zu Diensten. So ist das, wenn man an einer Wunderlampe reibt. Und nun Meister Paddy, was kann ich für dich tun?“, leierte er herunter.
„So ist das“, erwiderte Patrick schmunzelnd. Irgendwie machte die Sache Spaß, auch wenn er sie weiterhin für einen Scherz hielt. Irgendwo mussten hier Kameras versteckt sein und der Adonis war ein guter Schauspieler. „Wenn ich dein Meister bin, dann will ich, dass du Patrick sagst und nicht Paddy. Hast du einen Namen oder bist du einfach nur der Dschinn?“
„Ich besitze keinen festen Namen …“
„Oh, gut. Dann heißt du jetzt Abdul, was meines Wissens nach Diener bedeutet.“ Patrick verkniff sich ein Lachen, denn sein Gegenüber hatte entsetzt die Augen aufgerissen. Er fing sich jedoch recht schnell wieder.
„Oh nein! Das wird mir ja gar nicht gerecht! Ich bin doch kein gewöhnlicher Diener“, begehrte er auf. „Jesses nee! Ein Diener! Pah! Ich zeig dir mal was und dann diskutieren wir über meinen Namen.“ Kaum ausgesprochen drehte er sich einmal um sich selbst, erfasste die Lage im Raum und erkannte, was Patrick dort gemacht hatte. Der Dschinn klatschte in die Hände, wies mit den Zeigefingern auf die Tütenrolle, dann auf die Kommode. Patrick klappte die Kinnlade runter, als sich eine Tüte von der Rolle spulte und aufblähte, sich die Schubfächer der Kommode öffneten und alles, was darin war, in die Tüte wanderte. Von Zauberhand! Ganz treffsicher war der Flug der Wäsche nicht – ein Stapel Stofftaschentücher und ein Bündel Seidenstrümpfe fiel daneben – was der Dschinn mit einem Achselzucken abtat.
„Ich bin noch nicht ganz aufgetaut“, entschuldigte er sich.
Patrick schluckte und verwarf die Vorstellung, im Zimmer wären Kameras versteckt. Dafür zweifelte er erneut an seinem Verstand. War er schon zu lange ohne Partner, dass er sich einen Mann herbeiträumte? Möglich wäre es, vor allem, da dieses Exemplar da vor ihm absolut nach seinem Geschmack war. Schwarze Haare und dunkle Augen, einen Body wie gemalt und aus jeder Pore quoll der Sex-Appeal. Solche Männer gab es nur im Traum oder in Wahnvorstellungen.
Plötzlich kam der halb Nackte mit Patrick genau auf Augenhöhe.
„Meister Patrick, bist du überzeugt?“
„Nenn mich noch mal Meister, dann nenn ich dich Abdul.“ Seine Stimme wollte ihm kaum gehorchen und jetzt, wo der Kerl so nah war und Patrick ihn sogar riechen konnte, fiel es ihm schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
„Ich brauche einen Namen, der unterstreicht, wie grandios ich bin!“
„Aha, und wie sollte der lauten?“
„Wenn du schon so fragst … ich will Arshaq – ich betone Ahr-shak – heißen, weil es ‚hübsch, mit starkem und gut proportioniertem Körper‘ bedeutet.“ Wie zum Beweis strich er sich mit den Händen über die Brust, glitt an den Seiten entlang bis zum Hosenbund und hielt inne. Patrick konnte nicht wegsehen.
„Kann es sein, dass ich dir gefalle? Ach was, doofe Frage. Natürlich tue ich das“, er straffte die Schultern und setzte eine zufriedene Miene auf, „denn ich bin der wahrgewordene feuchte Traum aller Frauen und Männer!“
Patrick schnaubte. „Einbildung ist auch ne Bildung, auch wenn‘s die einzige ist. Frauen haben doch keine feuchten Träume.“
„Weißt du das so genau?“, fragte der Dschinn und beugte sich wieder herunter. „Oder vermutest du das nur? Ich seh‘ schon, das zweite trifft zu. Ich bin schon sooo alt, erzähl mir nichts. Mir kannst du keinen Bären aufbinden.“
„Mag sein. Aber nehmen wir mal an, ich spiele dein Spielchen mit … ich gehe jetzt runter um eine zu rauchen. In der Zwischenzeit kannst du deinen Trick mit dem Schweben weiter vollführen und hier alles ausräumen. Die Tüten kommen dann alle in eine Ecke, die holt nachher jemand ab.“
„Dein Wunsch ist mir Befehl!“, erwiderte der Dschinn theatralisch. Patrick lachte und stand auf, darauf bedacht, den Kerl aus der Vase nicht zu berühren.

◊

Draußen stand die Mittagshitze. Kein Lüftchen wehte. Obendrein war es still. Aus der Nachbarschaft war kein Laut zu hören, kein Vogel sang. Patrick kam sich vor, als würde die Zeit stillstehen und jemand hätte ihn in eine andere Dimension verfrachtet – ganz Kinolike. Er schüttelte den Kopf, als er sich in den Schatten setzte und das Feuerzeug zückte. Er fragte sich, ob das alles eben wirklich passiert war. Vermutlich nicht. Wenn er gleich wieder hinauf ginge, würde die Tüte vor der Kommode liegen, die Schublade mit den Socken geöffnet und kein Dschinn aus der Wunderlampe, äh Vase, weit und breit zu sehen sein. Zumindest sagte er sich das.
„Patrick?“, schallte es von oben.
„Reine Wahnvorstellung“, kommentierte Patrick leise.
„Huhu, Patrick? Die Schränke sind leer, was soll ich denn jetzt machen?“
„Bau sie auseinander!“, erwiderte er laut.
„Okay. Ach, Rauchen ist ungesund. Davon kriegt man schlechte Haut und ‚Mann‘ wird impotent!“
Patrick bekam den Rauch in den falschen Hals und musste husten.
„Was hab‘ ich gesa-hagt?“, trällerte es von oben.
„Das ist keine Wahnvorstellung, das ist ein Albtraum“, murrte Patrick, als er wieder durchatmen konnte.
Plötzlich tauchte der Dschinn vor im auf, was Patrick einen Schrecken einjagte. „Ich bin kein Albtraum“, meckerte er.
„Herr im Himmel!“, stöhnte Patrick, bemüht, sein rasenden Herzschlag wieder in den Griff zu bekommen.
„Gnäh, der hilft dir auch nicht. Aber dafür hast du ja jetzt mi-hich.“ Der Kerl tänzelte vor ihm rum und Patrick hoffte, dass niemand aus der Nachbarschaft ihn sah.
„Wenn du meinst … tu mir einen Gefallen und zieh was über!“
„Na gut.“ Er schnippte und schon trug er ein weißes Muskelshirt am Leib. „Besser?“
Patrick betrachtete ihn. „Ja“, sagte er, obwohl er das nicht meinte. Mit dem Shirt sah er aus, wie ein in Silberpapier gewickeltes Bonbon, bei dem man sich darauf freute, den Inhalt zu entpacken, aber das behielt er lieber für sich.
„Oki, doki. Wohin jetzt mit den Möbeln?“
„Gute Frage. Ich habe keine Ahnung.“
„Aha.“ Der Dschinn setzte sich vor ihn auf den Boden und kreuzte die Beine zum Schneidersitz.
„Was wird das?“
„Na, ich warte.“
„Worauf?“
„Dass du mir sagt, was ich tun soll.“
„Wie wäre es mit verschwinden? Wie krieg ich dich eigentlich zurück in die Vase?“
„Das sag ich dir, wenn ich Arshaq heißen darf.“
Die Erwiderung, die Patrick auf der Zunge lag, sprach er lieber nicht aus. Nicht, dass der Dschinn die Worte als Befehl auffassen würde … nur die Vorstellung trieb ihm die Schamesröte ins Gesicht. Daran zu denken, was der Dschinn tun würde, wenn er die Worte ‚Leck mich‘ ausspräche …
„Geht’s dir nicht gut? Du siehst so rot aus.“
„Mhpf! Mir geht’s nicht gut, seit du aufgetaucht bist! Du willst was zu tun? Dann geh rein, guck dir die Möbel an. Da hängen Zettel dran. Die, auf denen ‚weg‘ steht, kannst du ausräumen. Kartons findest du im Auto.“
„Alles klar. Und trink ein Glas Wasser, das hilft bei der Hitze.“
„Klugscheißer!“, murrte Patrick.
„Hey!“, entrüstete sich der Dschinn. „Wenn ich Klugheit scheißen würde, wäre ich inzwischen so dumm wie die Steinplatte, auf der du sitzt.“
Patrick grunzte nur. Was hätte er auch darauf erwidern sollen? Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, ehe er die Glut neben sich in der Erde ausdrückte. Es kam kein ungebetener Kommentar, was bedeutete, dass der Dschinn das entweder nicht gesehen hatte, oder der Schatten spendende Strauch keinen Schaden davon nehmen würde.
Er nahm einen tiefen Atemzug und stand auf. Irgendwie hoffte er immer noch, dass alles beim Alten wäre, wenn er wieder ins Haus trat. Dass dem nicht so war, hätte er auch blind erkannt. Wie eine kleine Windhose fegte dieser Geist, der gar nicht wie einer aussah, über den Flur, verschwand hier und da, nur um kurz darauf wieder angewirbelt zu kommen. Patrick stand blinzelnd in der Tür, während sich in Windeseile Kartons im Flur stapelten. Er kratze sich ungläubig am Kopf, sah hinter sich und erwartete ein Kamerateam. Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihn hier jemand anständig durch den Kakao zog. Aber da war niemand. Nur er, die brütende Hitze in seinem Rücken und ein wildgewordener Kerl, der aus einer Vase gehüpft … äh, gedampft war.
„Ich glaub, mir bekommt das Wetter hier nicht“, murmelte er, zog die Tür hinter sich zu und schlurfte in die Küche, um sich eine Flasche Wasser zu holen. Vielleicht litt sein Gehirn unter Flüssigkeitsmangel, weshalb ihm sein Kopf Streiche spielte. Das alles konnte doch nur eine Halluzination sein …
Patrick umschloss den Griff der Kühlschranktür und seufzte, schüttelte über seinen Gedankengang den Kopf und öffnete die Tür. Er zog die Flasche aus dem Fach und wollte gerade die Tür schließen, als hinter ihm ein „Und was jetzt?“ ertönte. Vor Schreck hätte er beinahe die Glasflasche fallen lassen.
„Ups, ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist ja ein richtiger Hasenfuß“, amüsierte sich der Dschinn.
Patrick schloss die Augen, öffnete die Flasche und setzte sie an. Er hoffte, wenn er nur lange genug nicht hinsah, würde diese Erscheinung wieder verschwinden.
Er hörte es rascheln und linste mit einem Auge. Der Kerl war weiterhin da, hatte sich an den Tisch gesetzt und sah ihn erwartungsvoll an.
Patrick nahm die Flasche vom Mund. „Kannst du nicht einfach wieder abhauen?“
„Warum sollte ich? Außerdem hättest du dann alles alleine ausräumen müssen. Jetzt habe ich das für dich erledigt. Dankbarkeit sieht anders aus“, murrte er.
Patrick trat an den Tisch, stellte die Flasche ab und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Du bist ja witzig! Ich soll auch noch dankbar dafür sein, dass ich hier mit einer Halluzination rede?“ Er grunzte ungehalten.
„Ich bin doch keine Hallo… äh, Einbildung!“
Schneller, als Patrick reagieren konnte, war der Arm des Dschinn vorgeschnellt und dessen Hand berührte seine. Warm, fest und sehr real. Gepflegte Nägel und weiche Haut. Patrick schluckte schwer. Sollte dieser Kerl da tatsächlich echt sein? Ein Mann wie aus dem Bilderbuch, verlockend gut aussehend, sehr sexy und … ausgestattet mit einer ziemlich vorlauten Klappe.
„Und? Bin ich real oder nicht?“
Patrick räusperte sich. „Da ich deine Hand spüre, muss ich davon ausgehen, dass du das bist.“ Leicht resigniert zog er seine Hand weg. „Oder ich bin nicht mehr ganz richtig im Kopf.“
„Keine Sorge, da drin wird schon alles in Ordnung sein. Agathe hat sich allerdings nicht so schwer getan, mich zu akzeptieren. Bist du sicher, dass ihr verwandt seid?“
„Apropos – wie ist sie eigentlich auf dich gekommen?“
„Auf mich? AUF mich? Leck‘ die Katz‘ am Arsch! Sie war niemals auf mir! Ich mache ja vieles, aber das nicht!“, entrüstete er sich und seine Mimik bezeugte, dass er auch meinte, was er sagte.
„So hab ich das doch nicht gemeint. Also, wie bist du ZU IHR gekommen?“
„Ah, schon besser. Das ist einfach. Die Sache war so: Bevor ich zu Agathe kam, war ein marokkanischer Gewürzhändler im Besitz meiner Lampe. Der Trottel hat sie kaputt gemacht, weshalb ich notgedrungen in die blaue Vase umgezogen bin. Das waren Zeiten … der Händler war ein egoistischer Arsch, aber sein Kammerdiener, der hatte einen Arsch! Und was für einen. Na ja, meine Ersatzbehausung ist dann wohl ausversehen in eine Lieferung geraten, die nach Deutschland ging. Ich bekomme nicht alles mit, wenn ich da drin stecke, aber mein Weg führte wohl von Marokko aus nach Frankfurt. Von dem Großhändler aus weiter nach München … ja, und da hat Agathe mein bescheidenes Heim gekauft.“
„Wann war das?“
„Hmm … müsste so etwa fünfundzwanzig Jahre her sein.“
„Du willst mich auf den Arm nehmen!“ Die Bemerkung mit dem Hintern des Kammerdieners ignorierte er geflissentlich.
Der Dschinn riss empört die Augen auf. „Wenn ich scherze, dann etwa so: Wusstest du, dass die Entstehungsgeschichte in der Bibel nicht stimmt? Gott schuf nur den Mann – den Rest hat der Lehrling gemacht!“
Patrick grinste belustigt. „Du musst sehr alt sein, wenn du das weißt“, erwiderte er.
„So alt nun auch wieder nicht. Was ist jetzt mit meinem Namen?“
Patrick schürzte die Lippen. Hatten sie nicht eine Abmachung getroffen?
„Wie kommst du zurück in die Vase?“
Der Dschinn rümpfte die Nase. „Na gut. Du musst dazu eßiehcs egilieh sagen. Puff, dann bin ich weg.“
„Ich brech‘ mir ja die Zunge, wenn ich das aussprechen muss. Wer hat sich denn das einfallen lassen?“
„Na du. Wer sonst?“
„Wie ich?“
„Das, was du als erstes gesagt hast, nachdem ich aus meinem Unterschlupf gekrochen bin, musst du nun jedes Mal sagen, um mich zu rufen. Das ganze rückwärts schickt mich zurück. So einfach ist das.“
Patrick rieb sich über die Stirn. „Und was bitte soll ich in dem Moment gesagt haben? Asix Egilie – Eilige Xisa? Das hab‘ ich im Leben nicht gesagt!“
Der Dschinn schüttelte den Kopf. „Hast du auch nicht. Du hast ‚Heilige Scheiße‘ gesagt.“
„Ups. Damit rufe ich dich? Ernsthaft?“
„Wenn wir zusammen im Haus sind, kannst du natürlich auch Arshaq rufen. Nur, wenn du unterwegs bist, solltest du dir zweimal überlegen, wie du fluchst. Ich könnte nämlich ganz plötzlich neben dir auftauchen.“
„Werde ich mir merken. Ich habe nicht unbedingt das Bedürfnis, dass du im Supermarkt oder im Büro halb nackt neben mir erscheinst.“
„Schade …“ Übertrieben gespieltes Bedauern begegnete ihm.
Patrick war versucht, dem Dschinn die Wasserflasche entgegenzuschleudern, ließ es aber bleiben. Stattdessen verdrehte er die Augen, stand auf und ließ den Kerl kommentarlos sitzen.



Das waren die ersten 30 Seiten des Romans - mehr in Arbeit.
Vic - Animal Soldiers ebenfalls - je nachdem, welche Geschichte sich gerade in den Vordergrund drängelt ;-)

Freitag, 20. Juni 2014

Vic - Animal Soldier

Hallo Leseratten ;-)

Sofern es meine Zeit erlaubt - und zum Schreiben herrscht akuter Zeitmangel - tippe ich an dieser Story, die geplant ist als Kurzroman mit rund 100 Seiten.


Zum Reinlesen bei bookrix verfügbar oder eben hier das erste Stück, zwei Kapitel, für euch:



Ein neuer Gefangener


„Jetzt mach schon!“, drängte Silver.
„Ich bin ja schon startklar“, erwiderte Vic und steckte sich die Dolche an den Gürtel. Kurz darauf verließen sie den Raum, der ihnen während der Einsatzphasen als Unterkunft diente. Auf dem Weg nach draußen band Vic ihre langen Haare zu einem Zopf zusammen. In solchen Momenten beneidete sie Silver um die Kurzhaarfrisur, die sie zwar männlicher wirken ließ, aber ihren Sex-Appeal noch unterstrich und draußen ungemein praktisch war.
Kaum hatten sie die Zwischentür passiert, schlossen sich Amber und Cat an.
„Wisst ihr schon etwas Genaues?“
Vic sah zu Amber und zuckte mit der Schulter. „Nicht wirklich. Es hieß, es treiben sich mal wieder Wilde am Rand des Territoriums rum.“
Cat schnaubte. „Immer dasselbe mit denen. Schleichen sich an und glauben, hier ins gemachte Nest krabbeln zu können.“
„Klingt aufregend!“ Silver verdrehte die Augen. Ihr schien die beinahe immer gleiche Arbeit der Animal Soldiers zu eintönig zu sein.
„Beschwer dich nicht, sonst versetzen sie dich noch zum medizinischen Zentrum, da geht es heftiger zu, als bei uns hier draußen“, erwiderte Cat.
Silver kam nicht mehr dazu, noch etwas zu erwidern, denn sie erreichten die Tür, die auf den Hof führte. Colonel Bob Trapper – von allen nur Wolf genannt – erwartete sie bereits.
„Soldiers“, er nickte ihnen kurz zu. Die vier Frauen erwiderten die grüßende Geste. „Zwei Überwachungssensoren haben angeschlagen. Es ist das vierte Mal in dieser Woche, dass die Wilden versuchen, in unser Gebiet einzudringen. Kümmert euch darum … und wenn es geht, bringt eine dieser Kreaturen mit.“ Er spie das Wort förmlich aus und Vic wusste so gut wie jeder andere, was der Colonel von den Wilden hielt.
Nichts.
Für ihn waren sie nur eine abartige Form der genetischen Mutation, die vor Jahren dafür gesorgt hatte, dass die menschliche Rasse so gut wie ausgelöscht war. Es gab nur noch die ‚Animalis‘ – Mischwesen, deren Sicherheit in den Händen der Animal Soldiers lag, sofern sie sich innerhalb des Territoriums befanden und offiziell zum Volk gehörten. Ihre Besonderheiten sah man auf den ersten Blick nicht, man könnte sie alle für Menschen halten, wären da nicht die tierischen Merkmale und Instinkte, die sie zu außergewöhnlichen Wesen machten.
„Wieder ein nutzloses Verhör?“, wagte Cat zu fragen, was ihr einen strengen Blick vom Wolf einbrachte. Sie neigte den Kopf und weil ihre rote Lockenpracht hochgesteckt war, entblößte sie somit unterwürfig ihr Genick. Der Colonel knurrte kurz, was bezeugte, dass er ihre Entschuldigung annahm.
„Ich erwarte Meldung, sobald ihr etwas habt.“
Die vier gaben ihre Bestätigung, worauf der Colonel sie entließ. Bis zur Grenze, an der die Sensoren angebracht waren, brauchten sie nur wenige Minuten. Die Landschaft war gespickt mit Sträuchern, Bäumen und Hecken. Das verhinderte zwar eine gute Übersicht über den Grenzbereich, doch für die meisten Animalis war das Grün lebenswichtig.
Vic verließ sich auf ihre Sinne. Erschnupperte die Umgebung, erfühlte sie mit ihren Härchen auf der Haut und betrachtete sie mit den Augen einer Raubkatze. Nichts anderes steckte in ihr. Die Gene eines Pumas.
Schnell konnte sie die Witterung aufnehmen. Ein kurzer Blick zu den anderen sagte ihr, dass diese auch Spuren nachgingen. Vic hielt sich links, steuerte auf eine kleine Baumgruppe zu, in deren Schatten Beerensträucher standen. Trotz dass die süßen Früchte einen intensiven Duft verströmten, konnte Vic den Geruch des Wilden deutlich darunter ausmachen. Würzig und schwer kroch er in ihre Nase. Gar nicht unangenehm.
Beinahe lautlos schlich sie über das Gras, näherte sich der Stelle, von der sie den Duft am intensivsten wahrnahm. Sie zog ihren Dolch mit der rechten Hand, während sie die linke ausstreckte, sprang und mit einem Satz im Gebüsch landete. Einige Äste brachen, die Sohlen ihrer Stiefel gruben sich in den weichen Erdboden. Nur einen Moment später hockte sie auf einem Wilden, ihr Messer an seine Kehle gepresst. Sie fauchte und zeigte ihm die Zähne.
Sie spürte seinen Körper unter sich vibrieren, ein Grollen steckte in seiner Brust, doch er ließ es nicht heraus. Vic konnte sein Gesicht nicht sehen, denn er hatte schützend die Hände davor geschlagen.
„Dass ihr es auch immer wieder versucht“, zischte sie und drückte das Messer noch fester an seinen Hals, ein kleines Rinnsal Blut lief an der Klinge entlang.
Der Wilde nahm die Arme herunter und Vic blickte in ein markantes Gesicht und bernsteinfarbene Augen, die sie bittend ansahen.
„Die Betteltour zieht bei mir nicht.“
Er schluckte und Vic lockerte gerade noch rechtzeitig den Druck der Klinge auf der Haut. Durch die Schluckbewegung hätte er sich selbst den Hals aufschlitzen können.
„Wenn ihr euch nicht so abkapseln würdet, müssten wir nicht immer eindringen“, verteidigte er sich.
Seine Stimme hatte eine angenehme Klangfarbe. Nicht zu tief, weich und dennoch männlich. Fast wie ein Schnurren.
Vic verwarf den Gedanken und griff in ihre Gesäßtasche, wo sie die Bänder aufbewahrte. Sie zog eines hervor und ließ es um die Handgelenke des Wilden schnellen. Die elektronische Fessel setzte einen großen Teil seiner Instinkte außer Kraft. Dass er sich nicht gewehrt hatte, wunderte sie.
„Du kommst mit.“ Keine Bitte, ein Befehl.
Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung sprang sie von ihm herunter und zog ihn gleichzeitig mit in die Höhe. Nun, wo er stand, überragte er sie fast um einen Kopf. Seine Schultern waren breit und sie würde wetten, dass sie hinter ihm verschwand. Allerdings würde ihm das nichts nützen. Sie war ausgebildet für das, was sie tat. Und trotz ihrer schlanken, beinahe zierlichen Gestalt steckte eine unbändige Kraft in ihr.
Vic tastete ihn ab, konnte aber keine Waffen finden. Er trug nur einen ledernen Beutel mit sich, der an seinem Gürtel hing. Vic riss ihn ab und schaute hinein.
„Flokibeeren?“ Fragend sah sie ihn an.
Er presste die Lippen aufeinander und schien kein Interesse daran zu haben, ihr zu antworten. Im Grunde war das auch überflüssig, die Beeren wuchsen nur innerhalb ihres Gebietes und besaßen besondere Inhaltsstoffe, die wichtig für die Animalis waren. Nur, was wollte der Wilde damit? Soweit sie wusste, waren die gar nicht auf spezielle Nahrung angewiesen. Ihre tierischen Merkmale waren stärker ausgebildet und viele ernährten sich von Fleisch. Die Bewohner des abgegrenzten Territoriums nicht.
„Warum stiehlst du unsere Früchte?“
Keine Antwort.
„Was wolltest du damit?“
Immer noch nichts. Er presste die Lippen so fest zusammen, dass sie wie ein Strich aussahen. Schade eigentlich. Er besaß einen schönen Mund.

*

Zehn Minuten später schob Vic den Gefangenen in den Verhörraum und zwang ihn fast auf den Stuhl vor dem Tisch. Er hatte kein Wort mehr gesagt und sich nur mitschleifen lassen. Vic hätte zu gerne gewusst, was in seinem Kopf vorging. Er saß da und starrte auf die abgegriffene Platte des Tisches.
Sie umrundete ihn, betrachtete ihn von allen Seiten. Sein braunes Haar war kurz gehalten, die Haut leicht gebräunt. Vic zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich rittlings darauf. Er starrte weiter auf das Holz, als wäre dort Weltbewegendes zu sehen. Sie fragte sich, wann der Wolf auftauchen würde – sie hatte doch gemeldet, dass sie einen Wilden einfangen konnte.
„Ich bin Vic“, sagte sie unvermittelt und aus einem Gefühl heraus.
Langsam hob der Fremde den Kopf, drehte ihn ihr zu. Er schnaubte und wandte sich wieder dem Tisch zu.
„Na schön, dann nicht. Wenn du beim Colonel ebenso gesprächig bist, wird das kein angenehmer Tag für dich“, prophezeite sie ihm.
Als hätte der nur darauf gewartet flog die Tür auf und betrat mit donnernden Schritten den Raum. Vic stand auf und sah ihrem Boss entgegen.
„Wo hast du ihn aufgegriffen?“
„Nahe der Grenze zwischen Sträuchern.“
„Gut. Danke – du kannst gehen.“
Vic nickte dem Colonel zu, schielte noch einmal zu dem Gefangenen und verließ das Zimmer. Auf dem Gang kam ihr Cat entgegen, die genüsslich in einen violetten Apfel biss.
„Hab gehört, du hast einen geschnappt. Ich hatte weniger Glück.“
„Tut mir leid. Wer war es?“
„Eine Halbstarke, ich vermute mit Reptiliengenen. Sie roch streng und war flink wie eine Echse.“
„Silver und Amber?“
„Weiß nicht, hab sie noch nicht gesehen. Ich nehme an, sie sind noch draußen.“
Sie hatten das Ende des Ganges erreicht als aus dem Verhörraum Gepolter und Schreie erklangen. Vic sah über ihre Schulter, als Gebrüll und Wolfsgeheul folgten. Es klang, als würden sich der Wilde und der Colonel mit ihren Stimmen messen wollen.
„Geh schon mal vor“, wandte sie sich an Cat, „ich glaube, ich bleibe lieber in der Nähe.“
„Okay. Besser du als ich, du weißt ich hasse es, wenn der Wolf ausflippt.“
Vic schenkte ihr ein Lächeln und lief zurück. Vor der Tür des Raumes stoppte sie. Hätte sie die äußeren Merkmale ihres Tieres, würde sie sicherlich die Ohren spitzen, so aber blieb es beim Lauschen.
„Lieber lasse ich mich umbringen, als meine Leute zu verraten“, hörte sie den Gefangenen knurren.
„Du wirst deine Meinung noch ändern, glaub mir!“, drohte der Wolf. Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen.
Vic stockte. Der Gefangene blutete aus Mund und Nase, der Colonel trug eine versteinerte Miene zur Schau.
„Bring ihn runter und schließe ihn ein!“, befahl er an Vic gerichtet, die Pflichtbewusst bejahte. Sie übernahm die gefesselten Hände des Gefangenen, der Colonel rauschte mit stampfenden Schritten davon. Vic konnte seine Wut verstehen. Bislang hatte nicht einer geplaudert. Jeder Wilde, den sie gefangen nahmen, schwieg und verriet nichts über den Aufenthaltsort seiner Gruppe, ganz gleich wie sehr er gefoltert wurde.
Vic kam eine Idee. Es könnte funktionieren, doch dem Colonel dürfte sie davon nichts erzählen. Vorerst nicht. Mit Gewalt waren sie nicht weit gekommen – wie aber sähe es aus, wenn sie dem Fremden Freundlichkeit entgegen brachte?
Der stolperte mehr hinter ihr her, als dass er lief. Vic ahnte, dass der Wolf mehrere Stellen des Körpers mit Tritten und Schlägen bearbeitet hatte, als offenkundig zu sehen waren.
Im unteren Stock gab es drei Zellen. Die erste davon stieß Vic auf und dirigierte den Wilden zu der Liege, die darin stand. Er ließ sich wie ein Sandsack darauf fallen. Er schloss die Augen und Vic betrachtete ihn. Die Lippe war geschwollen und auf dem linken Jochbein zeigte sich schon ein bläulicher Schatten. Er würde Eis brauchen …
„Du brauchst nicht da stehen zu bleiben. Ich verrate nichts.“ Er klang kalt und abweisend, der schöne Klang seiner Stimme war verschwunden.
„Ich warte nicht darauf, dass du was ausplauderst – darf ich mir deine Verletzungen ansehen?“
Er drehte den Kopf ein wenig und sah sie an. „Warum solltest du das tun?“
„Ich gehöre zwar zu den Animal Soldiers, aber deshalb muss ich noch lange nicht alles gut finden, was mein Boss anstellt“, versuchte sie sein Vertrauen zu erwecken.
Er nickte zaghaft. Vic trat näher und nahm die Nase und die verwundete Lippe in Augenschein. Ja, ein Eisbeutel wäre eine gute Idee …
„Du brauchst Eis und einen Waschlappen“, erklärte sie ihm.
„Da wäre ich nicht drauf gekommen!“ Purer Sarkasmus.
„Hast du sonst wo Schmerzen?“
„Nein“, sagte er knapp und drehte den Kopf wieder weg.
„Ich bin gleich wieder da.“
Er brummte etwas Unverständliches. Vic ließ ihn auf der Liege zurück, verschloss gewissenhaft die Tür und eilte die Treppe hinauf.

*

Sie verstand sich nicht. Warum ging ihr der Kerl nicht aus dem Kopf? Sie hatte schon einige Wilde eingefangen, aber noch keiner hat auch nur Ansatzweise ihr Interesse geweckt. Was auch immer es war, sie hielt an ihrem Entschluss fest, es mit Freundlichkeit zu versuchen. Und wenn sie erst sein Vertrauen gewonnen hatte, würde er ihr auch verraten, warum die Wilden wiederholt die Grenze zum Territorium überschritten.
Sie tappten über die Motive schon fiel zu lange im Dunklen. Nur die Nahrung konnte nicht der Grund sein. Angriffe gab es aber auch keine – nicht aufseiten der Wilden. Nicht offensichtlich. Die vielen Verhöre, all die Folter der Eingefangenen, hatten nichts gebracht.
Vic griff zwei mittelgroße Eisbeutel und ein Tuch. Anschließend griff sie nach einem Paket feuchter Einmalwaschlappen, die sie normalerweise zum Säubern von Wunden verwendeten. Bei den Animal Soldiers. Nicht bei den Gefangenen. Ihr war das jetzt egal. Der Zweck heiligte die Mittel, oder nicht?

Als sie die Zelle wieder betrat, stockte sie kurz. Sie brachte sich jedoch so schnell wieder unter Kontrolle, dass der Wilde nichts bemerkt hatte. Vic schloss die Tür, erst dann sah er sie an. Er saß auf der Liege, nur in Jeans. Sein Oberkörper war gut trainiert. Perfekt definierte Brustmuskeln, Schultern und Oberarme kräftig. Leopardenfell bedeckte seinen Bauch, angefangen unterhalb des Rippenbogens. Wo es endete, konnte sie nur vermuten – jedenfalls unter der Gürtellinie. Er hielt sich die Seite, also hatte er doch mehr Schmerzen, als zugegeben.
Moment. Vor lauter Betrachten hatte sie einen wichtigen Punkt übersehen. Die Fessel!
„Wo ist das Band?“, fragte sie.
Er griff neben sich und hob es hoch. Entzweigerissen.
Vic zog die Brauen nach oben. Langsam trat sie näher und überreichte ihm einen der Eisbeutel.
„Danke“, sagte er leise.
„Warum hast du dich hierher schleppen lassen, wenn dieses Band dich gar nicht fesseln kann?“
„Die Antwort willst du nicht hören. Glaub mir.“ Er legte sich das Eis auf die Wange.
„Oh doch, das will ich!“
Er verschob den Beutel, um seine Lippe zu kühlen. Dabei schienen seine Augen zu lachen.
„Spiel keine Spielchen. Ich mag zwar nicht so aussehen, aber wenn ich will, liegst du innerhalb Sekunden bewusstlos auf dem Boden.“
Er schnaubte. Dann ließ er die Hand mit dem Eis sinken.
„Man nennt mich Leo“, sagte er und hielt ihr die freie Hand hin.
Vic starrte entgeistert darauf. Sollte sie einschlagen? Das konnte doch nicht sein Ernst sein – eine Begrüßungsgeste war nun wirklich fehl am Platz.
„Das Eis“, meinte er daraufhin und klang amüsiert.
„Hier“, erwiderte sie und hielt ihm auch den zweiten Beutel hin. Wie hatte sie die Geste nur so missverstehen können?
„Also Leo. Warum bist du hier?“
Er legte sich den Beutel an die offensichtlich schmerzende Seite und verzog dabei das Gesicht.
„Wegen dir.“
Vic lachte laut auf. „Klar! Du kennst mich nicht und ich dich nicht. Was soll der Blödsinn?“
„Nenn es Blödsinn, wenn du willst …“ Der Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen ging ihr durch und durch. Was lief hier ab?
„Als du auf mir gesessen hast und ich dich angesehen habe, da war mir klar, dass du alles mit mir machen kannst und ich mich nicht wehren könnte.“
Vic verschränkte die Arme. „Sicher.“ Sie schüttelte den Kopf. Wollte er sie für dumm verkaufen?
„Du glaubst mir nicht. Ich sagte doch, du willst es nicht hören.“
„Fangen wir mal von vorne an: Warum hast du unser Gebiet betreten … oder besser, was wolltest du mit den Beeren?“
Keine Antwort. Leo schob demonstrativ den Eisbeutel wieder an die Lippe.
Vic hatte keine Lust auf Spielchen. „Ach, leck‘ mich doch!“, fluchte sie, warf die Packung mit den Waschlappen auf die Liege und wandte sich der Tür zu.
„Liebend gern“, erklang Leos Stimme in ihrem Rücken, deren Tonlage ihr einen Schauer über die Haut jagte. Sie verließ beinahe fluchtartig die Zelle.
Ihr Herz klopfte wild gegen ihre Rippen. Warum nur brachte sie dieser Mann so aus der Fassung? Sonst besaß sie eine Selbstbeherrschung, an der sich jeder die Zähne ausbiss. Leos rauchige Worte aber brachten ihr Herz zum Rasen und sorgten dafür, dass ihre Gedanken in eine Richtung abdrifteten, die ihr nicht behagte.
Fast schon bereute sie ihren Entschluss, doch feige aufgeben war noch nie ihr Ding, daher würde sie es diesmal auch nicht.
Ein Kurzbesuch der Küche reichte und Vic verließ diese mit einer Banane und einem Salatteller. Beides nahm sie mit nach draußen, wo sie sich auf die Wiese setzte und aß. Sie wollte jetzt noch nicht zu Silver aufs Zimmer. Zuerst musste sie ihren Kopf frei bekommen, all das sortieren, was sie verwirrte.
Ein Wilder!
Sie konnte es nicht fassen. Von allen Kerlen musste ausgerechnet er der sein, der etwas in ihr auslöste?

*

In der Nacht wälzte sie sich unruhig im Bett herum. Silver schlief wie ein Stein, worum Vic sie beneidete. Immer wenn sie die Augen schloss, hatte sie das Bild von diesem Leo vor Augen, wie er auf der Liege saß, sich die Seite hielt. Sein Fell, die schönen Augen, seine Stimme …
Vic fluchte innerlich und stand auf. Nur mit Hotpants und Tanktop bekleidet verließ sie das Zimmer. Zuerst lief sie nach draußen, nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel, die immer dort lag und lief an der Hausfront unruhig auf und ab. Ob sie wollte oder nicht, es blieb nur eine Lösung für ihr Problem. Sie musste herausfinden was an diesem Mann so besonders war. Und, warum er und die anderen Wilden immer wieder einen Versuch wagten, das Gebiet unbemerkt zu betreten.
Vic drückte die zur Hälfte gerauchte Zigarette in den Standascher und machte sich auf den Weg nach unten. Die Zellentür besaß ein kleines Fenster und sie wollte sehen, was dieser Leo machte. Schlief er oder war er so rastlos wie sie?

Bei der Tür angekommen öffnete sie die kleine Luke so leise wie möglich. Sie wollte ihn nicht wecken, sollte er schlafen. Kaum dass sie hineinsehen konnte, stockte ihr der Atem. Leo lag auf der Liege, nackt. Im Mondlicht, das durch die schmalen Fenster hineinfiel, sah sie deutlich das Leopardenfell, das sich bis auf die Oberschenkel erstreckte. Einzig sein Geschlecht besaß kein Fell. Sie schluckte. Der nackte Schwanz lag wie gebettet da und sie fraget sich, wie das beachtliche Stück erst aussehen würde, wenn er steif wäre. Hitze schoss ihr in den Schoß, was sie abermals schlucken ließ. Wie lange hatte sie bewusst keinen Mann mehr begehrt? Es musste ewig her sein. Der wenige Sex, den sie hatte, beschränkte sich auf schnelle Quickies mit ihrem ‚Kollegen‘ Maik. Nur zum Abreagieren für sie beide. Nichts Ernstes, nicht mal eine echte Affaire.
Doch jetzt, wo sie Leo so da liegen sah, spürte sie deutlich ein Verlangen in sich aufsteigen, dass sie angesichts seiner Natur nicht haben dürfte. Mutierte Gene, zu viele tierische Merkmale – ein Fleischfresser, kein Vegetarier, so wie sie.
Sie kannte ihn nicht einmal! So etwas durfte sie nicht bei ihm empfinden. Mit zitternden Fingern griff sie nach der Luke, wollte sie schließen, da sah sie, wie seine Nasenflügel bebten. Als würde er eine Witterung aufnehmen …
„Ich weiß, dass du da bist“, raunte er plötzlich.
Vor Schreck entwich ihr ein kurzer Schrei. Sie fühlte sich ertappt, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Schnell fing sie sich wieder und reckte trotzig das Kinn hoch.
„Ich werde doch noch nachsehen dürfen, ob mein Gefangener in Ordnung ist.“
Er setzte sich ruckartig auf und sah sie an. „So, so. Jetzt bin ich schon dein Gefangener. Schön zu hören.“
Vic verdrehte die Augen. So hatte das nicht rüberkommen sollen.
„Bilde dir nur nichts ein“, erwiderte sie.
Er lachte dezent. „Ich muss mir nichts einbilden. Ich weiß, dass dir gefällt, was du siehst.“
„Ach, der Herr denkt, er kann Gedanken lesen?“
„Nein. Ich rieche es.“
Wie dumm kann man sein! Vic hätte sich am liebsten selbst verflucht. Natürlich konnte er riechen, dass ihre kurze Hose nass im Schritt war. Was musste er auch so eine Wirkung auf sie haben und vor allem: Warum musste er nackt da liegen? Alles oder nichts, dachte sie sich.
„Es ist auch schwer zu bestreiten, dass du mit diesem Fell ziemlich heiß aussiehst. Aber das hilft dir nicht, die Zelle zu verlassen, ohne dass wir Antworten haben.“
„Es stimmt also.“
„Was stimmt?“
„Keiner von euch hier hat Fell oder andere äußere Merkmale.“
Gut kombiniert, das musste sie ihm lassen.
„Nein. Jeder von uns hat einen reinen Genetikstamm.“
Leo schnaubte. „Ach, und das macht euch zu was Besserem? Da irrst du dich Süße.“
Vic fiel die Kinnlade runter. Wie hatte er sie gerade genannt?
„Sei froh, dass ich hier draußen bin, sonst hätte ich dir dafür eine verpasst“, begehrte sie auf. Sie sollte gehen, aber schleunigst.
Leo stand auf und kam auf die Tür zu. Vic konnte ihren Blick nicht von ihm nehmen. Als er dicht davor stand, legte er eine Hand an die Öffnung.
„Wenn du hier drin wärst, würdest du ganz andere Sachen machen, statt mir eine runterzuhauen.“
„Oh, da ist aber jemand sehr von sich überzeugt!“, spottete sie.
Schneller, als sie reagieren konnte, lag plötzlich seine Hand auf ihrer. Warm, ein bisschen rau … dann fluteten Bilder ihren Kopf.
Sie keuchte auf, als sie vor ihrem geistigen Auge vorüberzogen. Sie, mit Leo in der Zelle. Sie lag auf der Liege, sein Kopf zwischen ihren Schenkeln. Ein neues. Ihr Kopf über seiner Hüfte, ihre Locken fielen auf sein Fell. Noch eines. Sie kniete auf der Liege und Leo nahm sie von hinten, seine Hände an ihrer Hüfte. Sie konnte sein Gesicht sehen, die Lust und das Feuer in seinen Augen.
Ihr entwich ungewollt ein Wimmern. Leo zog seine Hand weg, die Bilder verschwanden.
„Wenn du wieder kommst, werden wir genau das tun, daran habe ich keinen Zweifel.“ Der verheißungsvolle Klang seiner Stimme ließ sie erzittern. Sie hatte weiche Knie und verachtete ihren Körper dafür, dass er so auf ihn reagierte. Ihre Brüste spannten unter dem Top, zwischen ihren Schenkeln schien sich ein See bilden zu wollen.
Er drehte sich weg und schlenderte zurück zur Liege. Trotz des wenigen Lichts konnte sie einen sehr guten Blick auf seinen knackigen Hintern werfen.
Wie benommen schloss sie die Luke. Sie war nicht in der Lage, auch nur ein Wort zu erwidern. Dieser Mann war nicht gut für sie …


Selbstbeherrschung


Nach der nächtlichen Begegnung hatte Vic erst recht kein Auge mehr zugetan. Entsprechend gerädert war sie am nächsten Morgen. Immer wieder geisterte ihr die Szene an der Tür durch den Kopf. Es gab einige ‚Animalis‘, die durch eine Berührung Bilder oder Gedanken übertragen konnten, aber dass der Wilde, Leo, auch diese Fähigkeit besaß, erstaunte sie. Sein letztes Bild hatte zwar einen Fehler enthalten – er konnte ja nicht wissen, dass fast ihr gesamter Rücken tätowiert war – trotzdem wollte es ihr nicht aus dem Kopf gehen. Nun haderte Vic mit sich, ob sie dem Colonel davon erzählen sollte. Aber … dann müsste sie zugeben, dass sie in der Nacht nach dem Gefangenen gesehen hatte, grundlos. Sie müsste ihm sagen, was der ihr gezeigt hatte und das war unmöglich! Vic hielt sich weder für verklemmt noch für prüde, aber ihrem Vorgesetzten von den Fantasien des Gefangenen zu erzählen, die ihre eigenen widerspiegelten, nein.
Frustriert betrat sie das kleine Bad. Silver war vor ihr aufgestanden - Vic hatte so getan, als schliefe sie noch – und nun lag ein nasses Duschtuch auf dem Boden und die Badematte schwamm beinahe. Was stellte diese Frau nur immer im Bad an, dass hinterher alles triefte?
Mit dem Fuß schob sie alles Beiseite, legte ein Handtuch vor die Dusche und stieg aus ihren Sachen. Über die Schulter warf sie einen kurzen Blick in den Spiegel – der Puma auf ihrem Rücken, in Sprunghaltung, quer von der Hüfte bis zur Schulter – schien sie anzufunkeln. Das Bild war so gut gemacht, sie hatte schon oft den Eindruck gehabt, dass Tier würde sie tatsächlich ansehen.
Kopfschüttelnd betrat sie die Dusche und hoffte, dass der Tag keine bösen Überraschungen bereit hielt. Wenn ihre Schicht doch nur schon vorüber wäre …

Zwanzig Minuten später trat Vic in den Besprechungsraum. Silver und Amber saßen bereits am Tisch. Cat fehlte ebenso wie der Wolf. Dabei hatte Vic gedacht, sie wäre schon zu spät dran.
„Du siehst aus, als hättest du kein Auge zugetan“, sagte Amber ohne eine Begrüßung.
„Dir auch einen guten Morgen“, erwiderte Vic und setzte sich, ohne Ambers Worte zu kommentieren. Silver schenkte ihr einen fragenden Seitenblick, worauf sie nur mit einer abwehrenden Geste reagierte. Keine Fragen!
Die Tür öffnete sich und Cat trat herein. Ihre schlanke Gestalt war in eine hautenge Lederhose und ein weißes Herrenunterhemd verpackt. Sie grinste von einem Ohr bis zum anderen.
Doch ehe sie sich zu ihrer überaus guten Laune äußern konnte, betrat der Wolf den Raum. In seinem Schlepptau Dr. Kayne. Vic schwante Böses …
„Soldiers“, grüßte der Colonel und nickte ihnen kurz zu. Die Analystin aus dem Forschungszentrum, und Chefin desselben,  setzte sich zu ihnen an den Tisch, erst danach nahm der Wolf seinen Stuhl am Kopfende ein. Er räusperte sich.
„Dr. Kayne hat einige Neuigkeiten, die für unsere Arbeit vielleicht relevant sind“, begann er und forderte sie mit der Hand dazu auf, an seine Worte anzuknüpfen.
„Mit ihren Kollegen habe ich bereits gesprochen. Wir haben durch die jüngsten Testergebnisse Grund zur Annahme, dass die genetische Mutation der frei lebenden Animalis gar keine solche ist. Es scheint viel mehr eine natürliche Weiterentwicklung zu sein.“
Vic sah, dass der Wolf die Augen verdrehte. Sie selbst allerdings war ganz Ohr. Wenn das nicht eine interessante These war …
„Und das bedeutet?“, hakte Silver nach.
Die Analystin rutschte auf ihrem Stuhl herum, ihr war sichtlich unbehaglich zumute. Sie schielte kurz zum Colonel, und schien sich dann einen Ruck zu geben.
„Wir sollten sie nicht länger als unsere Feinde betrachten“, sagte sie schnell, als wäre es verboten, diese Ansicht zu äußern.
„Aber sie dringen hier ein, ohne dass wir je aus einem herausbekommen haben, warum sie das tun!“ Der Wolf bemühte sich, seine Fassung zu wahren. Vic sah es ihm deutlich an.
„Colonel, Ihre Ansicht in allen Ehren, aber Sie sollten auch die Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehen, dass sie uns gar nichts tun wollen.“
Vic wurde hellhörig. „Wie meinen Sie das?“
„Mir wurde berichtet, dass der Wilde, der gestern gefangen wurde, Flokibeeren bei sich hatte. Das untermauert meine Theorie, dass die Wilden auch Artgenossen haben, die wie wir sind. Animalis, die kein Fleisch essen, sondern ihre Nährstoffe aus vegetarischen Lebensmitteln beziehen. Und soweit wir wissen, wächst außerhalb unsere Territoriums nicht viel, was nahrhaft genug …“
„Stop! Ich habe genug von den hanebüchenen Theorien. Dr. Kayne, Sie wissen, ich schätze Sie und Ihre Arbeit sowie die Ihrer Kollegen. Aber das geht zu weit. Wir werden an unserer Arbeitsweise erst dann etwas ändern, wenn Sie uns beweisbare Daten vorlegen können.“
„Warum sind Sie nur so stur?“, erwiderte sie und reckte stolz das Kinn vor. Wie es aussah, wollte sie vor dem Colonel nicht katzbuckeln.
„Bringen Sie eindeutige Belege vor, dann lasse ich mit mir reden. Und kommen Sie mir ja nicht noch einmal damit, dass sie bahnbrechende Ergebnisse hätten … es sind Mutanten!“

*

Vic befand sich auf ihrem Kontrollrundgang. Ihr wollten die Worte der Analystin nicht aus dem Kopf. Wenn es wahr wäre, die Wilden nur eine natürliche Entwicklung durchgemacht hätten und manche von ihnen auf ihre Früchte angewiesen waren … es wäre wohl das aus für das Territorium. Das Ende des behüteten Lebens aller, die hier beschützt in einer großen Gemeinschaft lebten. Vic war in das System hineingeboren worden. In die Fußstapfen ihres Vaters zu treten war schon früh ihr Wunsch, den sie schließlich auch wahr gemacht hatte. In Viererteams waren sie unterwegs, alle in einem ihnen zugeteilten Grenzstück. Sie schützten die fast zehntausend Animalis, die auf dem riesigen Areal eine neue Stadt aufgezogen hatten, nachdem die Genexperimente aus dem Ruder gelaufen waren und die Welt in ihren Strukturen geändert hatten.
Während sie die unsichtbare Grenze abschritt und die Lasersensoren auf ihre Funktion prüfte, dachte sie an Leo. Hatte er die Beeren vielleicht für ein Mitglied seiner Gruppe haben wollen? Oder gar für sich selbst? Was war mit all den anderen, die versuchten unerkannt einzudringen? Die meisten flohen, sobald sie die Soldier zu Gesicht bekamen. Viele waren schon gefangen genommen worden. Wenn die Theorie der Ärzte stimmte …
Alles grübeln half nichts. Sie nahm sich vor, nach Dienstende Leo auf den Zahn zu fühlen – und dabei all ihre Beherrschung einpacken, die sie besaß. Seine Bilder würden nicht wahr werden! Das schwor sie sich und ihrem inneren Puma.

*

Kurz nach Einbruch der Dämmerung legte Vic ihre Waffen in den dafür vorgesehen Schrank. Sie wollte nicht angriffslustig wirken, wenn sie hinunterging um Leo auszufragen. Hoffentlich gab er ihr die Antworten, die sie hören wollte.
Ihre Arbeitskleidung, bestehend aus Cargohose und T-Shirt, ließ sie an – auch oder gerade weil sie schmutzig waren. Die Sachen kaschierten ihre Figur und sie war zuversichtlich, dass Leo gar nicht in Versuchung käme sie anzugraben.
Trotzdem rumorte es in ihrem Bauch, als sie die Treppe hinunter lief. Ihre Instinkte waren hellwach und kaum dass sie den Flur im Zellentrakt betrat, stieg die Anspannung in ihr. Als würden ihre Nervenenden elektrisch stimuliert, prickelte es auf ihrer Haut und in ihrem Inneren. Sie hatte Leo noch nicht mal erreicht und schon stand ihr Körper unter Hochspannung. Sie verfluchte sich für ihre Idee, ihn nochmals zu befragen.
Zähne zusammenbeißen, lächeln, absolute Selbstbeherrschung aktivieren!
Vic entriegelte die Tür und hatte sich wieder unter Kontrolle. Zumindest äußerlich. Sie betrat den Raum und blickte Leo entgegen, als wäre nichts gewesen. Er hockte im Schneidersitz auf dem Boden, eine Wasserflasche stand neben ihm. Seine Augen funkelten, als er sie ansah.
„Wusste ich doch, dass du wiederkommst …“
„Du musst mir ein paar Fragen beantworten, nur darum bin ich hier.“
Er verzog das Gesicht, als habe sie ihn geschlagen.
„Es ist wichtig und ich habe den Verdacht, dass sich vieles ändern könnte. Also – kommt ihr her, weil ihr Animalis in euren Gruppen habt, die kein Fleisch vertragen?“
Er verengte die Augen, musterte sie kritisch.
„Warum sollte ich dir etwas über unsere Beweggründe verraten?“
Vic verkniff sich ein Schnauben und hockte sich hin, damit sie mit ihm auf Augenhöhe war.
„Weil unsere … Forscher eine Theorie aufgestellt haben, die besagt, dass ihr nicht eine mutierte Variante von uns seid, sondern eine natürliche Weiterentwicklung.“ Die Erklärung kam ihr ohne schlechtes Gewissen über die Lippen. Sie musste Pokern. Alles oder nichts. Und wenn sie ihm etwas verriet, machte er vielleicht auch den Mund auf.
Leo legte den Kopf schräg und schürzte die Lippen, als würde er überlegen. Das Glitzern in seinen Augen verriet, dass er spielen wollte. Vic konnte schon immer gut den Ausdruck bei anderen deuten.
„So, denken sie das? Klingt interessant, eure These.“
„Stimmt sie oder nicht?“
„Warum bleibst du nicht hier drin und versuchst es herauszufinden?“ Er grinste neckisch.
„Und dann sehe ich etwas, das ich noch nicht gesehen habe? Das ist wohl kaum möglich“, entgegnete sie locker. Innerlich war sie alles andere als das. Ihr Herz klopfte wie verrückt und sie musste sich davon abhalten, diesen verlockenden Mund vor ihren Augen zu küssen. Sein männlicher Duft machte sie zusätzlich verrückt. Vic verfluchte ihre tierischen Eigenschaften nur äußerst selten, in diesem Moment tat sie es.
„Oh doch. Was glaubst du, bringen sie mir hier zu essen?“
„Obst, Gemüse, Salat?“
Er nickte bedächtig. „Es ist widerlich!“, entgegnete er und grinste so breit, dass sie seine Zähne sehen konnte. Er besaß spitze Eckzähne wie ein Raubtier!
Vic konnte nicht leugnen, dass sie das anmachte. Sie spielte hier mit einem Feuer, das sie nicht mehr unter Kontrolle bringen könnte, wäre es einmal richtig entfacht.
„Tut mir Leid, aber Fleisch kann ich dir keins besorgen.“
Oh! Sein Gesicht verriet, dass sie die falsche Wortwahl getroffen hatte.
„Ich kann es aber dir besorgen“, entgegnete er mit rauer Stimme. Dieses Timbre ging ihr erneut durch und durch. Seine Nasenflügel blähten sich auf und er verzog den Mund zu einem siegessicheren Lächeln.
„Wisch dir das Grinsen aus dem Gesicht“ forderte sie streng.
Er lachte nur.
„Wenn du mir nichts weiter zu sagen hast, kann ich ja auch gehen.“ Vic stand auf und schlug sich gedanklich auf die Schulter, weil ihre Knie kein bisschen zitterten. Kaum hatte sie sich aufgerichtet, sprang Leo mit einem Satz in die Höhe. Er funkelte sie an. Sein Blick glich dem eines Raubtieres auf Beutejagd und sie erschauderte.
Ihr blieb überhaupt keine Zeit zu realisieren, was folgte. Innerhalb eines Blinzelns stand er nah vor ihr, hatte ihr Gesicht umfasst und ihr seine Lippen auf den Mund gedrückt. Vic glaubte, flüssiges Feuer flöße durch ihren Körper und versetze ihren Schoß in Brand. Und das nur, weil er sie küsste?!
Sie fühlte die Wärme seines Körpers und sog gierig seinen Duft ein. Als er seine Zunge in ihren Mund drängte und auf ihre traf, schoss ein elektrischer Impuls bis in ihren Schoß. Sie spürte, dass sich Nässe in ihrem Schritt sammelte und sie konnte ein Keuchen nicht unterdrücken. Leos Küsse schmeckten so gut.
Seine Hände gingen auf Wanderschaft, von ihrem Gesicht über die Schultern bis zu ihrem Rücken. Fordernd drückte er sie an sich, während ihr Zungenspiel immer intensiver wurde. Vic ertastete sogar die spitzen Eckzähne, was ihre Lust noch weiter anfachte.
Es war zu spät. Sie hatte verloren und war ihm erlegen. Sollte es ihr etwas ausmachen? Nein, entschied sie mit dem Rest ihres Verstandes, der noch arbeitete. Was sich so gut anfühlte, konnte nicht falsch sein.
Als hätte er gespürt, dass sie sich ergab, löste er sich abrupt von ihr. Schwer atmend sah sie ihn an. Vic konnte sein Verlangen so deutlich sehen, wie sie ihr eigenes spürte. Warum hörte er auf? Hatte er nur beweisen wollen, dass er sie bekommen könnte, so wie er es mit den Bildern vorhergesagt hatte? Vic schluckte. Plötzlich kam sie sich unglaublich dumm vor.
Da er nur dastand und sie ansah, ohne jegliche Regung, wallte Wut in ihr auf.
„Hast du nun, was du wolltest? Musstest du dir selbst beweisen, dass du immer bekommst, was du willst?“, fuhr sie ihn an.
Ein leichtes Lächeln bildete sich um seine Lippen. „Ich habe noch gar nicht, was ich will. Ich muss mich nur abkühlen, um noch einen klaren Gedanken fassen zu können.“
Vic schnaubte.
„Ich möchte dir etwas erklären Vic. Ich bin kein Untier. Aber ich war vielleicht ein bisschen zu bedrängend, denn du machst mich wahnsinnig, seit ich dich das erste Mal gesehen habe.“
Sie zog nur fragend die Braue nach oben und erwiderte nichts. Wenn er schon mal was von sich aus sagte, unterbrach sie ihn lieber nicht.
„Es ist Monate her und ich brauchte einen Plan, um in deine Nähe kommen zu können.“
„Was?“, entfuhr es ihr dann doch.
„Ihr hier drin, in eurem behüteten Nest, habt gar keine Ahnung von dem Leben da draußen. Und ich wusste, wenn ich die Grenze überschreite, werde ich festgenommen. Daher habe ich abgewartet, bis du Dienst hattest – ich habe eure Einsatzpläne im Kopf – und wartete darauf, dass du kommst und mich schnappst.“
„Das kann nicht dein Ernst sein. Das klingt so an den Haaren herbeigezogen …“
„Deshalb ist es nicht weniger wahr. Meine Fixierung auf dich“, begann er und kam wieder näher, „ist jedoch nicht der einzige Grund, warum ich hier bin.“
„Sag‘s mir“, forderte sie leise und legte eine Hand auf seine breite Brust.
„Deine Theorie ist nicht ganz falsch. Es gibt welche da draußen, die eure Früchte wollen. Aber nicht, weil sie die brauchen würden. Sie sind Luxusgüter, mit denen gehandelt wird.“
„Was ist daran schlimm?“
„Das ganze System. Die Diebe sind wie Sklaven; die Händler zwingen sie zum Stehlen und bedrohen ihre Rudel. Wer zu wenig mitbringt, wird misshandelt. Auf unterschiedlichste Weise …“
Vic fiel das Mädchen ein, das hatte fliehen können. Eine Halbstarke – sie wollte sich gar nicht vorstellen, was dem Mädchen angetan wurde, weil sie mit leeren Händen zurückkam.
„Und was genau willst du dann hier dagegen ausrichten?“ Vic verstand es nicht.
„Ich bin Leonard der zweite. Ich stehe als Anführer an der Spitze einer großen Gruppe, vergleichbar mit einem Staat der vergangenen Menschenwelt. Meine Leute leiden unter den Zuständen und ich kann das nicht länger hinnehmen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ihr helft mir mit Setzlingen, sodass wir selbst diese Pflanzen anbauen können oder ihr schirmt euch mit richtigen Zäunen und Mauern ab, die rund um die Uhr bewacht werden müssen.“
Vic schwirrte der Kopf. Sie hatte ja alles Mögliche erwartet, aber nicht so etwas. Und gelogen hatte er nicht, das hätte sie gerochen. Viel nachdenken über das, was sie gerade erfahren hatte, konnte sie nicht, denn Leo beugte sich zu ihr herunter und eroberte von Neuem ihren Mund. Die verdrängte Lust flammte wieder auf.
Leos Hände wanderten über ihren Körper, umrundeten ihre Brüste, glitten über den Bauch bis nach hinten auf ihren Po, den er drückte und sie gegen ihn dirigierte. Vic kam ihm entgegen, zuckte leicht zusammen, als ihre empfindlichen Brustspitzen vom Stoff gereizt wurden. Die leichte Reibung schickte lustvolle Schauer durch ihren Körper und sie konnte es kaum erwarten, mit den Fingern über sein Fell zu streichen. Wie es sich wohl anfühlen würde?
Noch ehe sie dazu kam, es herauszufinden, löste sich Leo wieder von ihr. Er sprang regelrecht von ihr weg.
„Da kommt jemand!“, warnte er leise.
Vic schluckte krampfhaft, versuchte sich unter Kontrolle zu bringen, doch es gelang ihr nicht wirklich. Sie hatte vollkommen verdrängt, wo sie sich hier befanden! Sie lauschte, hörte schwere Schritte, die sich über die Treppe näherten.
„Kein Wort zu irgendjemand – noch nicht. Bitte“, sagte er leise und Vic nickte. Dann schaltete sie in den Soldier Modus, denn sie ahnte, wer da auf dem Weg zu ihnen war.
„Es wird Zeit, dass du was sagst, sonst fahren wir hier andere Geschütze auf!“, drohte sie und klang sogar echt, zumindest in ihren Ohren.
Leo zwinkerte ihr zu und stellte sich mit leicht ausgestellten Beinen hin, die Hände vor dem Schritt verschränkt. Sie hoffte, dass ihrer beider Erregung nicht so stark war, dass man sie sofort roch. Kaum dass sie den Gedanken zu Ende gebracht hatte, stieß der Wolf die Tür auf.
„Noch immer im Dienst, sehr vorbildlich Vic“, lobte er. „Was rausgefunden?“
„Nein, leider. Kein Ton.“ Es wunderte sie, wie leicht es ihr fiel, dem Colonel diese fette Lüge ins Gesicht zu sagen.
„Immer das gleiche mit diesen Mutanten!“, murrte er. Dann stockte er. „Warum trägt er kein Band?“
„Ich habe es abgenommen. Doch der Bestechungsversuch mit etwas Freundlichkeit hat auch nicht funktioniert“, improvisierte Vic. Ihr langes Training machte sich bezahlt. Sie hatte sich perfekt unter Kontrolle – der einzige, bei der ihr das nicht gelang, war Leo!
„Ein neues anlegen. Kein Essen mehr. Und morgen früh will ich ihn in Raum 4 haben. Acht Uhr. Sorg dafür, dass er da ist“, ordnete der Colonel an.
„Er wird da sein“, sagte sie und zog demonstrativ eines der Bänder aus ihrer Beintasche. Als habe sie einen sechsten Sinn besessen, hatte sie dort eins hinein geschoben. Alle anderen Waffen hatte sie abgelegt, sogar alle Bänder aus der hinteren Hosentasche, wo sie sonst untergebracht waren.
Der Wolf nickte ihr zu und verließ den Raum, sah jedoch noch einmal zurück, ehe er ganz durch die Tür war. Vic hatte das geahnt, sie war schon zu Leo getreten und hatte ihm das Band um die Handgelenke gelegt.
Sie lauschte den Schritten des Colonels und als sie sicher war, dass er die Treppe hinter sich gelassen hatte, nahm sie das Band wieder ab.
„Um nochmal auf das Wesentliche zurückzukommen. Wie hast du dir das vorgestellt? Ich kann nicht einfach fordern, dass man euch Setzlinge aushändigt, auch kann ich nicht den Vorschlag machen, die Grenze zu befestigen.“
Vic sah ihn fragend an. Leo wirkte nachdenklich. Es schien, als wäre nicht nur ihre Lust durch den unerwünschten Besuch des Wolfes abgekühlt.
„Ich weiß es nicht. Meine Grundidee basiert auf dem, was wir von außen betrachten können. Eure internen Abläufe kenne ich nicht. Ein Teil meiner Familie war sogar dagegen, dass ich mich hier fangen lasse, doch das konnten sie mir nicht ausreden. Gibt es niemanden mit hohem Rang, dem du die Möglichkeiten als deine Idee unterjubeln kannst? Vielleicht nebenher, in einem belanglosen Gespräch?“
Vic schnaubte. Außer mit dem Colonel hatte sie kaum etwas mit Ranghöheren zu tun. Und das auch nur sehr oberflächlich. Wem sollte sie beiläufig diese Vorschläge unterbreiten? Es wollte ihr niemand einfallen, daher schüttelte sie den Kopf.
Leo atmete tief durch und schlenderte zur Liege.
„Vielleicht fällt dir noch jemand ein. Ich warte dann auf dich – ich kann ja hier eh nicht weg“, witzelte er. „Bis Mogen.“
Er ließ sich auf die Liege fallen und legte sich einen Unterarm über die Augen. Vic wurde das Gefühl nicht los, als wenn er enttäuscht wäre.
„Ja, bis Morgen“, erwiderte sie leise und verließ die Zelle. Es war ja nicht so, als würde sie ihm nicht helfen wollen … aber dafür musste ihr erst Mal einfallen, wie!


Vielleicht hat es euch bis hier her gefallen - mehr in Arbeit ;-)
Anmerkung: Vertipper bitte ignorieren, das ist die erste Fassung ohne Korrektur ...

Schönes Wochenende euch!
Sophie

Mittwoch, 28. Mai 2014

Start: Zirkel der Magier

Hallo zusammen,

jetzt als "Prestart" schon bei amazon als E-Book zu haben:
http://www.amazon.de/Zirkel-Magier-Sophie-R-Nikolay-ebook/dp/B00KKQA0HC

Die dort angegebenen 128 Seiten stimmen (mal wieder) nicht. Das E-Book hat wie die Printausgabe 185 Seiten, was natürlich je nach Reader variiert.
Bestellmöglichkeit und Vorbestellung der Printausgabe im Verlagsshop wird noch eingerichtet.

Und wer vor Spoilern keine Angst hat, hier die ersten Meinungen in der Leserunde:
zu Lovelybooks

Die Belieferung der anderen Shops ist gestartet, sodass das E-Book in Kürze überall zu haben ist.

Wünsche euch ein schönes, langes Wochenende!

Dienstag, 20. Mai 2014

Leserunde!

Wer sich noch anmelden möchte, hat hier Gelegenheit dazu:

http://www.lovelybooks.de/autor/Sophie-R.-Nikolay/Zirkel-der-Magier-1093419305-t/leserunde/1093440587/

Ich freue mich aufs Lesen und bin wie immer gespannt, wie euch die Geschichte gefällt.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Gewinnspiel im Mai!

Einen wunderschönen 1. Mai euch allen!

Zum Start des Wonnemonats möchte ich euch zu einem Gewinnspiel einladen:

Schickt mir ein Bild von eurem Lieblingsplatz zum Lesen!

Zu gewinnen gibt es 2x ein Exemplar von Danyel und 2x ein Exemplar von Weiblich, ledig & ein Baby.

Das Bild bis zum 15.05.14 an: S.R.Nikolay@ gmx.de senden, dazuschreiben welches Buch ihr gewinnen möchtet und mit etwas Glück wird euer Name aus dem Lostopf gefischt.


Danyel ist der, den man das Schicksal nennt. Er entscheidet über die Lebenszeit der Menschen, kalt und ohne Emotionen. Kilian ist ein Mensch, und er will nicht akzeptieren, dass seine jüngere Schwester früher stirbt als er. Also plant er, seine Lebenszeit mit ihrer zu tauschen und reist nach Rom, um mit Danyel zu handeln. Kilian ahnt nicht, in was er hineingeraten wird, als er Danyels Reich betritt, denn der übt sofort eine unheimliche Anziehungskraft auf ihn aus.










 In diesem Buch erzählen Dominik und Sandra abwechselnd ihre Geschichte. Sandra, erfolgreiche Karrierefrau und überzeugter Single. Dominik, ihr bester Freund, ist schwul und plötzlich Kindermädchen ... Ein Missverständnis sorgt dafür, dass der Kindsvater Enrico Sandra die kalte Schulter zeigt. Und dann taucht auch noch Rick auf. Dominiks absoluter Traumtyp! Doch der reagiert abweisend, als er das Baby sieht ... Kann das Christkind auch die Liebe bringen?

Auch wenn es sich vielleicht so anhört, das ist kein Weihnachtsbuch - ein Kurzroman der Kategorie Chick Lit, Frauenunterhaltung ;-)







Ich freue mich auf eure Einsendungen!
Sophie

p.s.: Wer signierte Bücher haben möchte, hat ab sofort die Möglichkeit, einen Teil meiner Romane in signierter Variante (ohne Aufpreis und versandkostenfrei) zu bestellen:
http://www.shop-fantastic-shades.de/SophieRNikolay.htm